Rohrbruch Seestraße – Die Arbeiter-Fotoreportage

Da kommen sie also, die Fotografen, TV-Leute und Radioreporter und halten drauf , was das Zeug hält. Am liebsten wären alle mit dabei gewesen, als das Wasser aus dem Boden sprudelte. Fünf Minuten hatte es gerade mal gedauert, an der Seestraße im Bezirk Wedding, bis eine Elektronik beim Wasserwerk registrierte, dass der Druck in einer Abwasserleitung abfällt. Automatisch schloss sich ein Schieber und damit auch die Möglichkeit für recht spektakuläre Bilder.

Bei einem Wasserrohrbruch dieser Größe gibt es für mich und die anderen Kollegen trotzdem noch genug zu finden. Immerhin, das Ganze wird eine Zeitlang dauern. – Insgesamt, bis dann das letzte Loch geschlossen ist, das kurz vorher genauso groß sein wird, wie das relativ Kleine, das dieses Große Loch verursacht hat, voraussichtlich vier Wochen.

Im schnelllebigen Reporteralltag kehrt damit fast ein wenig Müßiggang ein. Ich stelle mir das Reportagemeeting in meinen Tageszeitplan ein und kann offen bleiben für die unvermittelt eintreffenden Ereignisse. Für mich gibt es nichts besseres, als ein eher ungefährliches Berichtsthema gleich um die Ecke und da so viele Menschen hier im Soldiner Kiez darüber reden und es betroffene Autofahrer in ganz Berlin und der Umgebung gibt, lohnt es sich doch umso mehr.

Waren es im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat DDR die Kosmonauten mit ihrem hoch über der Erde schwebenden Weltenblick, die die Jungens Nacht für Nacht ins Land der glorreichen Träume entführten, blieben die Kinder im kapitalistischen Westen dem robusten Arbeiter, dem Baggerführer mit seinem Metallverstärkten Arm träumerisch verhaftet. Die Chance seinen Kindheitstraum tasächlich auszuleben, war im Westen größer.

Wer also sind die Helden unserer Träume? Die Baggerfahrer, Arbeiter an den Rüttlern, der Bauleiter mit der Wasserwaage, die Asphaltierer, auf deren Einsatz alle hinarbeiten und was bringen sie den vorwiegend älteren Männern, die am Rand der Baustelle stehen an Neuigkeiten? Der alte Weddinger mag sich in seine Vergangenheit zurückträumen und arbeitet in Bildern denkend, zusammen mit seiner damaligen Kolonne jetzt hier, zwischen den Bergen von abgerissenem Asphalt und bernsteinfarbenen Sandhaufen. Die Notwendigkeit eines bestimmten Ablaufs ist dem Arbeiter in Rente bekannt. Bei genauer Beobachtung eines Jüngeren, vermag er sogar abschätzen können, ob der schon Geselle ist oder noch Lehrling. Na und den Streit zwischen den Gewerken, die sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben, wenn ein Termin zu platzen droht, ist immer noch das Alltagsgeschäft.

Aber mit der Zeit gehen, auf dem neuesten Stand der Technik sein, bildet für den alten Weddinger Arbeiterbeobachter eine unerschöpfliche Wissensquelle die er zusammen, mit den ehemaligen Kollegen im nächsten Gespräch ausschöpfen wird. Neu eingesetzte Materialien, im Lauf der Zeit verbesserte Maschinen, die sich ständig ändernde Besetzung der Mannschaften nach Nationalitäten. Die passgerechten Bewegungen eines besonders geschickt hantierenden Handwerkers… Den hätte man doch damals in seiner Mannschaft gut gebrauchen können.

Tja, der Wedding ist immer noch ein Arbeiterbezirk, wenn auch mit einer ganzen Menge Arbeitslose. Während das Rampenlicht der Presse, für ein paar Tage den stauenden Verkehr der Durchreisenden besonders interessiert beleuchtet, winkt der Weddinger Reporter den Arbeitern mit einer Fotoreportage zu. Den Menschen, mit denen der Bezirk so lange schon verheiratet ist.

Noch trotzt der Weddinger den hippen Mitteläufern mit seiner derben Schnauze. Wie lange das noch gut geht weiß keiner. Egal… der nächste Feuerwehreinsatz für uns Reporter kommt bestimmt. Dann sind wir bei den nächsten Helden, die Leben schützen. Wollten Sie nicht auch einmal als kleiner Junge Baggerführer oder Feuerwehrmann werden?

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